Marlene Klaus: Lady Gloria und die Lodoner Liebschaften

Lady Gloria Wingfield gründet einen Frauenbildungsverein. Dies ist die Ausgangslage des historischen Kriminalromans von Marlene Klaus, die uns Leser mitten hinein in das Jahr 1889 schickt und dort verweilen und staunen lässt.

Es gib zwei Themen, die den Roman beherrschen. Das ist zum einen das Thema Frauenrechte, zum anderen der Journalismus. Vor dem Hintergrund eines Mordes, der sich während der Feierlichkeiten des Eröffnungsabends zuträgt, entfaltet sich ein lebendiges zeitgeschichtliches Panorama. Von der Mode bis zur Einrichtung atmet „Lady Gloria und die Londoner Liebschaften“ Zeitkolorit. Real existierende Persönlichkeiten haben ihren Auftritt, darunter zu meinem großen Entzücken Oscar Wilde und seine Frau Constance Wilde. Als selbsternannter Wilde-Experte kann ich sagen, dass sein Auftritt authentisch klingt, aber auch die zahlreichen anderen Details belegen, dass Marlene Klaus die Zeit, über die sie schreibt, ausgezeichnet kennt.

Im Rahmen der Ermittlungen, die Lady Gloria anstellt, werden die beiden oben erwähnten Themen nahtlos in die Handlung gewoben. Wahlrecht für Frauen? Eigenes Vermögen? Was wir heute für selbstverständlich halten, war es damals nicht. Die wachsende Bedeutung des Journalismus und seine Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen, werden in der Figur eines attraktiven Journalisten verkörpert, der gemeinsam mit der widerspenstigen Lady Gloria ermittelt. Sehr zum Leidwesen eines gewissen Lord Lyndon übrigens, dessen Anwesen eine deutliche Spur Romantik ins Buch bringt, dezent genug, um nicht den Krimileser zu verärgern, aber groß genug, um das Herz zu berühren.

Apropos Krimi: Die Ermittlungen in diesem unblutigen Kriminalroman sind für Hardcore-Krimileser zu harmlos und zu untergeordnet. Wer aber einen Häkelkrimi in viktorianischem Setting (oder einen cosy Krimi) lesen möchte, ist mit „Lady Gloria und die Londoner Liebschaften“ sehr gut bedient. Der Fall verleiht dem Roman die richtige Würze und gibt Lady Gloria Gelegenheit, zu wachsen, genau so, wie es in einem guten Roman sein sollte. Dabei ist der Spannungsbogen von Anfang bis Ende durchgehend hoch, mit ein paar Verschnaufpausen dazwischen. Auch die Charaktere sind wunderbar getroffen, klar gezeichnet und sind trotz der Vielzahl an Protagonisten unterscheidbar.

Drei Teile der Reihe gibt es und man kann problemlos mittendrin einsteigen, auch wenn es schöner ist, der Reihe nach zu lesen und die Entwicklung der Protagonisten zu beobachten. „Lady Gloria und die Londoner Liebschaften“ ist der letzte bislang im Dryas Verlag erschienene Roman. Das Ende lässt allerdings ahnen, dass es bald einen vierten Band geben wird und der hoffentlich in Indien spielen wird.

 

Klaus, Marlene
Dryas Verlag
ISBN/EAN: 9783940855718
10,95 €